Montag, 23. Februar 2015

Man kann nicht alles haben - Warum Vereinbarkeit manchmal so schwer ist

"Man kann nicht alles haben", diesen weisen Satz pflegte mein Vater stets zu sagen, wenn ich als Kind wieder alles auf einmal wollte: Ein großes Eis, ein neues Buch,  keine Matheklausu ren und trotzdem gute Noten. Heute muss ich wieder öfter an seine mahnende Worte denken. Wie recht er doch hatte!

Auch viele Mütter wollen alles. Einen tollen Job, viel Zeit mit dem Kind, eine romantische, dennoch gleichberechtigte Partnerschaft, super gesund, vollwertig und gleichzeitig schmackhaft kochen können, einen sexy Körper - und einige ganz Verrückte sogar ein streifenfrei geputztes Eigenheim. (Mir reichen schon ein krümelfreier Küchenboden und ein voller Kühlschrank um als gute Hausfrau durchzugehen)

Doch als arbeitende Mutter - und damit also als Eier legende Wollmilchsau - merke ich jeden Tag aufs Neue: Alles geht nicht. Entweder sieht die Wohnung gut aus oder ich. Entweder spaziere ich stundenlang mit dem Kind durch die gesunde Luft und genieße wertvolle "Quality Time" oder ich hetze von einem Büro-Meeting zum nächsten. Entweder verbringe ich ein romantisches Candlelight-Dinner mit dem Gatten oder ich zelebriere Familien-Abendbrot-Rituale mit anschließender Putzorgie unterm Küchentisch.

Ich bin Mutter, Ehefrau, Hausfrau, Karrierefrau - und damit latent schizophren. All diese Rollen in einer Person zu vereinen ist verdammt schwer. Morgens ganz die Mutti, vormittags Arbeitstier, nachmittags Hausfrau und Mutter, abends müde Ehefrau. Das ist die moderne Frau. So will es das Gesetz der Vereinbarkeit. Doch ist es nicht schöner, sich nur auf eine Sache zu konzentrieren? Ist Multitasking nachweislich nicht doch nur ein Mythos?

Als ich in die letzte Woche krank zu Hause verbrachte und gezwungenermaßen in die Rolle der "Nur Hausfrau und Mutter" schlüpfte, ertappte ich mich (bei voranschreitender Genesung) bei dem Gedanken: "Gar nicht so übel". Endlich mal wieder eine halbwegs saubere Wohnung, keine Wäscheberge, selbst gekochtes Essen und gemeinsame Mittagsstunde mit der Maus. Könnte es so nicht immer sein? Ist es nicht einfacher, nur eine Sache zu machen und die aber richtig? Dass ich mal so denken würde, hätte ich früher nie für möglich gehalten. Dass man als Mutter auch einen "richtigen" Job haben kann und sollte, war für mich mehr als selbstverständlich.

Perfektion ist nicht mein Ziel

Nicht falsch verstehen: Ich liebe meinen Job. Die Arbeit macht mir Spaß und bringt mir dazu noch bezahlten Urlaub vom Mamastress. Aber das Jonglieren zwischen den verschiedenen Welten bringt mich manchmal aus dem Gleichgewicht. Dazu schleicht sich immer wieder das Gefühl ein: Irgendwas oder irgendjemand kommt zu kurz. Kann ich allen gerecht werden? "Druck rausnehmen, nicht immer alles perfekt machen wollen" lauten hier die gängigen Ratschläge. Dabei bin ich weit entfernt von Perfektion. Meine Wohnung ist meistens nur mittelsauber, mein Lidstrich stets verschmiert, die Kinderklamotten voller Karottenflecken und der Mann genervt von meinem Chaos. 

Ist Vereinbarkeit also doch eine Lüge?, wie schon die Blogprinzessin vor einiger Zeit fragte? Die meisten antworten hier, dass die Rahmenbedingungen stimmen müssten. Gute Kinderbetreuung, Babysitter, flexibles Arbeitszeitmodell, helfender Mann. Über all dies verfüge ich. Ich Glückspilz! Ich mag gar nicht an all die Working Moms denken, denen auch nur  eins dieses lebenswichtigen Essentiala auskommen müssen. Und dennoch bin ich manchmal überfordert, ich Weichei!

Die Frage ist aber nicht nur, kann ich alles haben, sondern will ich es auch. Will ich mich so zwischen den Welten zerreiben? Ich will alles! Alles zu seiner Zeit. Aber kann ich auch alles? Keine Ahnung? Das wird die Zeit zeigen.

Wie seht ihr das. Wollt ihr auch alles? Und könnt ihr das?

Kommentare:

  1. Ich habe gestern noch einen Artikel dazu gelesen, in dem Stand: "Wir versuchen 2 oder 3 Leben in einem zu führen." Das fand ich ein passendes Bild.

    Danke für deinen tollen Artikel, ich werde ihn gleich nochmal auf twitter teilen.

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    1. Liebe Katharina,
      das Zitat passt wirklich wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Danke fürs Teilen! Liebe Grüße!

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  2. Schön geschrieben! Ich denke auch oft, dass ein Teil des Dilemmas darin besteht, dass "Vereinbarkeit" für viele bedeutet "Beruf und Kind GLEICHZEITIG". Du schreibst selbst: Alles zu seiner Zeit. Man kann seine Zeit nur einmal "ausgeben", Zeit ist ein nicht vermehrbares Gut.
    Dann sieht man auch schnell, dass in einen 16-wache-Stunden-Tag keine 8-Stunden Berufstätigkeit plus Fahrzeit plus Haushalt plus Partnerschaft plus Kind plus Gesundheit/Sport plus Freizeit plus Eltern plus... passen. Solange die Rahmenbedingungen nicht stimmen, wird jede und jede Familie dieses Dilemma selbst lösen müssen.

    Danke für Deinen Artikel!

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    1. Hallo Ulrike,
      danke fürs Lob. Ja, man kann sich eben nicht vierteilen... Dennoch will man es manchmal versuchen. Andererseits... Vielleicht denken viele auch nur, sie würden alles wollen, weil man es eben heutzutage als emanzipierte Frau und Mutter so macht. Sich vierteilen... Dennoch denke ich, dass man mehrere Rollen durchaus leben kann, aber nicht alle zur gleichen Zeit und nicht alle gleichberechtigt nebeneinander. Also arbeiten als Mutter ist durchaus möglich. Fragt sich nur, in welchem Umfang und wie man dies dann in seinen Alltag integriert. Ohne Unterstützung geht es nicht.

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  3. Deine Worte geben mir zu denken... Ich bin seit 4,5 Jahren "zu Hause" und habe wenn es die Zeit erlaubt hat, an meiner Doktorarbeit "rumgedoktert". Das war weder effizient noch befriedigend, weil es einfach nicht das selbe ist, wie ein richtiger Job mit Kollegen, außer Haus gehen, andere Gesprächsthemen haben, ein Einkommen haben etc.

    Daher habe ich mich nun entschieden, die Doktorarbeit ersteinmal auf Eis zu legen und einen Teilzeitjob zu suchen. Nicht gerade einfach als Deutsche in London. Aber es gibt durchaus auch paar interessante Stellen.

    Wenn es hoffentlich bald mit einem Job klappt, bin ich gespannt, ob ich mich nach der Zeit des "zu-Hause-seins" zurücksehne :-)

    Bin gespannt bei dir weiter zu lesen, ob du etwas änderst oder so weiter machst wie bisher :-)

    Liebe Grüße aus London,
    Uta

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    1. Ich glaube ein Stück weit, will man immer das, was man nicht hat. ich kann mir gut vorstellen, dass so ein "nur zu Hause" leben auf Dauer nicht befriedigend ist. Deswegen genieße ich meinen Job auch sehr.

      Dennoch ist dieses Herumhüpfen zwischen den Welten nicht immer einfach. Und ich meine noch nicht einmal wegen der schwierigen Rahmenbedingungen wie Kinderbetreuung etc. Auch rein mental ist das ein seltsames Gefühl. Irgendwie habe ich manchmal das Gefühl, nichts richtig zu machen. Alles immer nur ein bisschen: ein bisschen Mutter, ein bisschen Hausfrau, ein bisschen Karriere...

      Ich drücke dir auf jeden Fall für die Jobsuche die Daumen und bin gespannt, wie deine Erfahrungen als working Mum dann sein werden. Freue mich schon, davon zu lesen...

      Liebe Grüße nach London!

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  4. Ein toller Artikel, dem ich mich beinahe uneingeschränkt anschließen kann. Zur Vereinbarkeit gehört auch, Prioritäten zu setzen und Entscheidungen zu treffen. Selbst ohne Familie kann man nicht alles gleichermaßen haben - jedenfalls nicht, wenn man jeweils vom Maximum ausgeht (jeden Tag Sport, Vollzeit und Karriere; jeden Tag intensive mehrstündige Quality-Time mit dem Nachwuchs; 100% Reinlichkeit und Ordnung zu Hause; Aussehen wie ein Model; jeden Tag die perfekte Liebhaberin)... deswegen sollte jeder - auch die Männer - sich fragen, was er/ sie eigentlich will und was muss und dann muss geschaut werden, wie das miteinander vereinbar ist. Äußere Rahmenbedingungen sind nur ein Teil der Lösung. Gesellschaftliches und individuelles Umdenken ebenso.

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    1. Wie Recht du hast. Ich denke auch, dass ein generelles Umdenken erfolgen muss. Denn niemand kann alles und das auch noch gleichzeitig. Ganz wichtig ist aber auch die Frage: Was will ich überhaupt? Losgelöst von allen gesellschaftlichen Erwartungen. Vielleicht erlangt die eine oder andere doch zur Erkenntnis, das der Job zu Hause auch reicht (mal ganz unabhängig vom finanziellen Aspekt)...

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  5. "Ich bin Mutter, Ehefrau, Hausfrau, Karrierefrau - und damit latent schizophren."

    Amen! Ich hab' den Artikel gerne gelesen und konnte mich an vielen Stellen absolut wiederfinden. Ich weiß auch noch nicht, wie das gehen soll, wenn im Herbst meine Elternzeit von zwei Jahren endet. Dann finde ich mich als völlig veränderter Mensch, plötzlich mit zwei Babies im Gepäck, im Büro-Dschungel wieder. Das hat dann etwas von "Ausgesetzt - Überleben in der Wildnis".
    Und ich habe echt keine Ahnung, wie hoch mein Überlebenskoeffizient da sein kann, wenn eines der Kinder ständig krank ist und sich meine Wäsche-Last innerhalb von zwei Jahren einfach mal um 300% gesteigert hat.

    Eins hat mir meine bisherige Joberfahrung bisher allerdings vermittelt und daraus keimt bei mir leise Hoffnung: Man darf einfach nicht jedes Projekt annehmen. Da sind wir uns ja eigentlich alle einig: Prinzip Teflon! (Das wäre übrigens auch ein schöner Twitter-Alias gewesen.)
    Was mir zum Beispiel gar nicht einleuchten will: Warum wird "Hausfrau" und "Mutter" immer synonym und in einem Atemzug genannt? Im vergangenen Jahrzehnt habe ich mich nie als "Hausfrau" gesehen und wurde auch nicht so bezeichnet, nur weil ich in meiner Freizeit den Schmutz in meinen eigenen vier Wänden auf ein Maß zurück gedrängt habe, das nicht gesundheitsgefährdend ist.
    Mein Freund wäre dann ebenso "Hausmann" und Vater. Der hat nämlich 15 Jahre auch ohne meine Hilfe und die seiner Mutter, seine Wäsche gewaschen.
    Alles darüber hinaus,... Ne, ne, ne - sorry Leute, nicht meine Baustelle! Da bin ich nicht gut. Das macht mir keinen Spaß. Das raubt mir Energie. Und schließlich, das sollten die vorangegangenen Jahrzehnte der Emanzipation uns gebracht haben: Wir Mädels sollten wissen, was uns Spaß macht und worin wir gut sind. Und genau das sollten wir tun!
    Wenn wir das nämlich erreichen, dann ist dieser ganze Schönheits- und Schlankheitswahn nicht mehr relevant. Genauso wenig wie die Sorgen um die Libido unseres Partners.

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    1. Schön, dass ich mit meinem Artikel anscheinend einen Nerv getroffen habe.

      Deinen Vergleich zum Begriff "Hausfrau und Mutter" finde ich klasse:

      "Was mir zum Beispiel gar nicht einleuchten will: Warum wird "Hausfrau" und "Mutter" immer synonym und in einem Atemzug genannt? Im vergangenen Jahrzehnt habe ich mich nie als "Hausfrau" gesehen und wurde auch nicht so bezeichnet, nur weil ich in meiner Freizeit den Schmutz in meinen eigenen vier Wänden auf ein Maß zurück gedrängt habe, das nicht gesundheitsgefährdend ist. "

      Wie wahr! Ich stimme dir voll und ganz zu und wüsche dir viel Erfolg beim anstehenden Balanceakt.

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  6. Ich kann deine Gedanken sehr gut nachvollziehen. Sicher kann mit den richtigen "Rahmenbedingungen" alles viel leichter sein. Somit wird es leichter, alle 3 Jobs gleichzeitig mit halbwegs gutem Resultat zu erledigen, ohne selber ins Burn-Out zu verfallen. Aber muss es wirklich so sein, dass man als Frau somit ständig Leistung erbringen muss? Darf man nicht einfach mal faul sein oder das machen, worauf man gerade Lust hat - eben weil man ein eigenes Leben auch hat? Ich möchte zum Beispiel schon seit Ewigkeiten Gitarre lernen - finde aber neben den 3 Jobs nicht genug Zeit dafür. So müssen manche Träume wohl ewig Träume bleiben...

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  7. Ohja. Ein Plädoyer für die Faulheit - ich bin dabei! Schade, dass dies noch kein Ideal in unserer heutigen (Leistungs)Gesellschaft ist. Und schon gar nicht für Mütter. Aber vielleicht ändert sich das noch. Mehr Mut zum Müßiggang also!

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  8. Ich bin momentan dabei, "nur" schwanger zu sein und dabei zu arbeiten und gerate hier schon ins straucheln. Keine Ahnung, wie du so viel gleichzeitig sein kannst - und wenn auch deiner Meinung nach nur mittelmäßig - und bin gespannt, wie ich mich in ein paar Monaten mit diesen Aufgaben schlagen werde...
    Was ich schade finde ist, dass anscheinend vor allem Frauen dieses Problem haben - habe ich von Männern noch nie gehört.

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